Piercing wächst raus: Was bedeutet das, was passiert im Körper, was kann ich tun?
Wenn ein Piercing herauswächst: Warum der Körper den Schmuck nicht halten kann
„Dein Piercing wächst heraus.“ Oder: „Wenn wir dich piercen, ist die Gefahr groß, dass dein Piercing herauswachsen wird!“
Dieser Satz fällt im Piercingstudio immer mal wieder und viele Kund*innen können diese Aussage nicht ganz einordnen. Was passiert eigentlich, wenn etwas „rauswächst“? Der Körper beginnt, den eingesetzten Schmuck langsam in Richtung Hautoberfläche zu bewegen. Das Piercing wandert immer weiter nach vorne oder zum Hautrand, bis der Schmuck irgendwann nur noch von einer sehr dünnen Hautschicht gehalten wird und am Ende sogar einfach herausfallen kann.
Aber warum passiert das?
Was bedeutet es, wenn ein Piercing herauswächst?
Ein Piercing ist für den Körper zunächst einmal eine Verletzung mit einem Fremdkörper darin. Während der Heilung bildet sich um den Schmuck eine dünne Hautschicht, die im Laufe der Heilung immer stabiler wird, ein Stichkanal bildet sich. Bei vollständiger Abheilung des Piercings hat der Körper das Schmuckstück mit einer Narbe ummantelt.
Bei einem herauswachsenden Piercing verändert sich dieser Kanal jedoch zunehmend. Der Schmuck wandert dabei Schritt für Schritt näher an die Oberfläche. Fachlich spricht man häufig von Migration. Wenn der Prozess weit fortgeschritten ist und der Schmuck schließlich aus dem Gewebe herauskommt, spricht man vom Herauswachsen oder „Rejecting“.
Das passiert nicht plötzlich. Oft ist über Wochen oder Monate zu beobachten, dass sich die Position des Schmucks verändert und die Haut zwischen den beiden Einstichen immer dünner wird. Der Rand des Stichkanals ist meist nicht mehr rundlich, sondern das Gewebe bricht v-förmig ein, es wird trocken, häufig ist eine Kruste vorhanden und es ist rötlicher. Auch wenn letzteres nicht zwingend nötig sein muss.
Warum wächst ein Piercing heraus?
Dafür kann es unterschiedliche Gründe geben. Einer der wichtigsten ist die Anatomie.
Nicht jedes Piercing funktioniert an jedem Körper gleich gut. Manche Piercings benötigen eine bestimmte Menge und Form von Gewebe, damit der Schmuck langfristig stabil liegen kann. Genug Gewebe, um den Schmuck zu halten, auch in der geschwächten Phase der Heilung. Da ist es für den Körper manchmal einfacher den Störenfried zur Hautoberfläche zu schieben als ihn zu ummanteln. Ein Piercing ist immer ein Fremdkörper, der ganz streng genommen nichts im Körper verloren hat, hier macht der Körper einfach seinen Job, er stößt den Fremdkörper schlichtweg ab. Je dünner das Gewebe über dem Schmuck ist, desto einfacher ist das.
Das kann zum Beispiel bei einem Bauchnabelpiercing der Fall sein. Das ist der Grund, warum wir uns immer deinen Bauchnabel vorab anschauen wollen, live oder mit Bildern (siehe hierzu auch unseren Blog zu Bauchnabelpiercings https://www.nakedsteel-kassel.de/post/bauchnabelpiercing). Wichtig ist vor allen die Position des Liegens, da sich dort das Gewebe am meisten spannt und vor allem bei jüngeren Personen manchmal besser ist, etwas zu warten, bis die Haut weniger Straff ist. Auch bei einem Bridge-Piercing oder einem Piercing durch sehr flache Brustwarzen kann die vorhandene Anatomie dazu führen, dass der Schmuck nicht dauerhaft ausreichend Gewebe zur Verfügung hat. Hier ist ebenfalls wichtig, die Anatomie gut zu prüfen, auch wenn das nicht immer ein Herauswachsen verhindern kann. Augenbrauen-Piercings migrieren meist ein bisschen, was nicht immer heißen muss, dass das Piercing komplett den Körper verlässt.
Das bedeutet nicht zwingend, dass beim Piercen grundsätzlich etwas falsch gemacht wurde. Manchmal ist ein Piercing anatomisch einfach nicht langfristig geeignet. An diesem Punkt ist es professioneller abzulehnen oder zumindest über das Risiko zu sprechen, dass das Piercing wahrscheinlich nicht für immer halten wird. Viele Anatomien sind an der Grenze und dann überlassen wir es der Kundschaft, ob sie es versuchen möchte oder nicht. Für diese Entscheidung spielen Faktoren wie Piercing-Erfahrung, das aktuelle Alter und auch die Einstellung zu späteren Narben eine große Rolle.
Manche Piercings wachsen häufiger heraus
Es gibt außerdem Piercings, bei denen ein Herauswachsen grundsätzlich wahrscheinlicher ist.
Dazu gehören beispielsweise:
Bridge-Piercings
Augenbrauenpiercings, wenn die Augenbraue sich zwischen den Fingern nicht gut rollen lässt und bei einem erschrockenen Gesicht sich das Gewebe aus den Fingern zieht
Piercings durch sehr flache oder invertierte Brustwarzen
Bauchnabel-Piercings, wenn wenig Gewebe vorhanden ist
Oberflächenpiercings (hier sprechen wir allgemein von non-permanenten Piercings, welche meist eine Lebensdauer von ca. 3-5 Jahren haben)
Dermal Anchors (hier sprechen wir allgemein von non-permanenten Piercings, welche meist eine Lebensdauer von ca. 3-5 Jahren haben)
Bei manchen dieser Piercings ist das Risiko bereits durch die Position und die Art des Gewebes erhöht. Bei Oberflächenpiercings und Dermal Anchors ist die Konstruktion des Piercings selbst ein wichtiger Faktor. Hier spielt vor allem die Bewegung eine große Rolle, weswegen es sich empfehlen lässt, diese Piercings nicht an Stellen zu setzen, wo viel Bewegung stattfindet oder die Kleidung reibt.
Das bedeutet allerdings nicht, dass jedes dieser Piercings zwangsläufig herauswächst. Gute Planung, passende Anatomie und geeigneter Schmuck können einen großen Unterschied machen.
Die Anatomie ist aber nicht immer schuld
Manchmal passt die Anatomie perfekt – und trotzdem beginnt ein Piercing zu wandern.
Dann lohnt sich ein Blick auf die äußeren Belastungen.
Kleidung kann beispielsweise regelmäßig am Schmuck hängen bleiben oder Druck auf das Piercing ausüben. Auch zu langer Schmuck kann sich stärker bewegen, hängen bleiben und dadurch dauerhaft mechanische Reizung verursachen.
Bewegung spielt ebenfalls eine Rolle. Je nach Piercing kann Sport, Schlafen, häufiges Anstoßen oder wiederholtes Hängenbleiben dazu führen, dass das Gewebe immer wieder belastet wird. Wenn erstmal ein Riss im Gewebe entsteht, kann es dazu führen, dass ein Piercing, welches bis dato sicher im Körper saß im Areal der geschwächten Haut doch wandert.
Auch die Wahl der Schmuckgröße ist deshalb wichtig: Schmuck sollte nicht unnötig lang sein und gleichzeitig natürlich genügend Platz für die jeweilige Situation bieten. Die Dicke ist ebenfalls ein Faktor: je nach Stelle ist es ratsam mit dickerer Stärke als 1,2mm zu piercen. Intimpiercings sollten zum Beispiel je nach Areal mit mindestens 2mm gesetzt werden (wir machen hier eine Ausnahme bei dem Klitorisvorhaut-Piercing). Auch bei invertierten Nippeln, bei denen sowieso von vornherein mehr Zug auf dem Schmuck liegt, empfiehlt es sich mindestens 2mm zu wählen, je nach Anatomie dicker zu gehen. Je dünner der Schmuck ist, desto größer ist seine Schneidwirkung, denk an einen dünnen Käsedraht, welcher in der Lage ist, ganz scharf feine Scheiben von einem Käse-Laib zu schneiden, ist der Piercingschmuck zu dünn kann das gleiche mit dem Gewebe passieren. Die passende Form und Größe sind entscheidende Bestandteile einer guten Schmuckauswahl.
Woran erkenne ich, dass mein Piercing herauswächst?
Ein herauswachsendes Piercing sieht nicht immer sofort dramatisch aus.
Achte zum Beispiel darauf, ob:
der Schmuck plötzlich anders positioniert ist als vorher,
der Abstand zwischen den Einstichen kleiner wird,
der Schmuck trotz kürzeren Stab bereits wieder zu lang wirkt (schau hier auch, was ein Downsize ist: https://www.nakedsteel-kassel.de/piercing-downsize),
die Haut zwischen den Einstichen dünner oder transparenter erscheint,
der Schmuck immer stärker durch die Haut sichtbar wird,
die Einstichstellen trockener aussehen,
sich die Einstichstellen vergrößern oder länglicher werden.
Wenn dir eine Veränderung auffällt, solltest du nicht einfach abwarten und dich sofort mit deinem Piercingstudio besprechen. Bilder helfen, die Veränderung besser einzuschätzen. Wie sah das Piercing nach dem Stechen aus, wie nach dem Downsize, wie als es dir zuerst aufgefallen ist, dass es eine Veränderung gibt.
Je länger ein Piercing in diesem Zustand bleibt, desto stärker kann das Gewebe belastet werden und desto sichtbarer kann später die Narbe ausfallen. Auch der VPP weist darauf hin, dass herausgewachsene oder migrierte Piercings größere Narben (externer Link: https://vpp-piercing.de/piercing-narben/) hinterlassen können. Eine Narbe ist an sich nicht schlimm, wenn du mit dieser optisch kein Problem hast. Bedenke, dass Narben größer werden, je länger du wartest, dein herauswachsendes Piercing entfernen zu lassen. Anfangs ist die Narbe erstmal stärker gerötet, das legt sich mit der Zeit. Ein Areal, was bereits vernarbt ist, bietet später weniger Stabilität für ein neues Piercing, was nicht heißt, dass es unmöglich ist.
Kann man ein herauswachsendes Piercing retten?
Das kommt darauf an, warum es herauswächst.
Wenn beispielsweise die Schmuckgröße oder äußere Belastungen das Problem sind, kann eine Anpassung der Rahmenbedingungen manchmal helfen. Dafür muss allerdings zunächst geklärt werden, was die Ursache ist.
Wenn die Anatomie selbst nicht geeignet ist und der Körper den Schmuck deshalb immer weiter nach außen bewegt, lässt sich dieser Prozess nicht einfach durch einen anderen Schmuck stoppen.
Wichtig ist deshalb: Nicht selbst versuchen, das Problem durch kürzeren Schmuck, anderes Material oder häufiges Wechseln zu lösen. Lass dein Piercing von einem professionellen Piercingstudio beurteilen.
Und was passiert mit der Narbe?
Wenn ein Piercing herausgewachsen ist, bleibt häufig eine Narbe zurück. Wie sichtbar diese ist, hängt unter anderem davon ab, wie lange das Piercing Probleme gemacht hat, wie stark das Gewebe belastet wurde und wie der individuelle Körper heilt.
Eine frühzeitige Reaktion kann deshalb sinnvoll sein.
Und auch wenn eine Narbe bleibt: Sie ist nicht automatisch etwas Schlechtes. Narben gehören zu unserem Körper und können eine Geschichte erzählen.
Unser wichtigster Tipp
Ein Piercing sollte nicht erst dann kontrolliert werden, wenn der Schmuck schon fast durch die Haut fällt.
Wenn du das Gefühl hast, dass dein Piercing herauswächst oder wandert, komm lieber frühzeitig ins Studio. Gemeinsam können wir beurteilen, ob sich etwas an der Schmuckgröße, den äußeren Bedingungen oder der Pflege verändern lässt – oder ob es sinnvoller ist, das Piercing kontrolliert zu entfernen.
Denn manchmal ist die beste Lösung nicht, ein Piercing um jeden Preis zu retten.
Manchmal ist die beste Lösung, dem Gewebe rechtzeitig Ruhe zu geben und später gemeinsam zu schauen, ob und wo ein neuer Versuch sinnvoll ist.





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